B1-Der Rote Quadratmeter und die Routine des Golfers

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Alles, was wir als Dirigenten tun, zielt darauf ab, dass es seine Erfüllung findet in den Momenten, in denen wir diese kleine Plattform betreten: Vorn, in der Mitte der Bühne, an der Nahtstelle zwischen Orchester und Publikum. Oder, in der Probe, bisweilen mit dem „Rücken an der Wand“.

Eine Fläche von etwa einem Meter mal einem Meter und oft mit einem roten Teppich bespannt.

Angefangen bei unserer eigenen Vorbereitung auf die musikalischen Werke über die Organisation von Proben- und Konzertterminen, der Einrichtung des Raumes bis hin zu Entscheidungen über die Programme oder die Abwesenheitsgesuche von Musikern. Ja, als Chefdirigenten dann auch noch das Wirken als „Lokalpolitiker“ mit dem Kampf um die Existenz unserer Orchester und Theater oder dem Etat für Solisten, Noten und Aushilfen, der Verantwortung gegenüber dem Publikum:

Das Ziel all dieser Handlungen besteht in nichts anderem als der Ermöglichung dessen, was wir am Pult tun in den Momenten, in denen wir vor dem Orchester stehen. An jenem Ort, der uns idealer Weise so vertraut werden sollte, dass wir uns an ihm wohlfühlen wie in unserem Wohnzimmer, obwohl er nicht viel gemein hat mit Couchtisch und Sofa.

Ein Ort an dem es unmöglich ist sich zu verstecken oder von dem man sich unbemerkt aus dem Staub machen könnte. Ein bisschen vergleichbar vielleicht mit dem Fünf-Meter-Brett im Schwimmbad. Wenn du erstmal da oben stehst, kannst du nur erfolgreich sein, wenn du das tust, wofür der Ort geschaffen wurde - und springst. Ein Rückzug ohne das Gefühl des Scheiterns ist beinahe ausgeschlossen.

Aber selbst wenn dort dein Sprung ins Wasser vielleicht ungeschickt aussieht und dir womöglich noch lange danach irgendwo die Haut brennt, weil du hart aufs Wasser aufgeschlagen bist, hast du dein Ding gemacht, wenn du gesprungen bist.

Der Rest geht niemanden etwas an.

Der Rote QM jedoch ist ein Ort an dem selbst kleinste Fehler sofort ihre Wirkung entfalten, wo jedes unbedachte Wort ein erhöhtes Konfliktpotenzial birgt, wo sich Ungeschicklichkeiten und Irrtümer, Zögern, schlechte Vorbereitung oder Unwahrhaftigkeit sofort multiplizieren, wodurch Ergebnisse verhindert und die Musik und damit das Handeln der beteiligten Menschen negativ beeinflusst werden.

Ein zentrales Thema bei Dirigiertip wird es sein, dich dabei zu unterstützen, fit zu sein für diesen Roten Quadratmeter, der für dich zum heiligen Ort werden soll, mit seinen ganz eigenen Gesetzen und Herausforderungen, seinen Schönheiten und dem ihm innewohnenden ungeheuren Potenzial an Macht und Einflussmöglichkeiten, seinen Inspirationen, Verführungen und Gefahren, dem Neid und der Anerkennung, der Lust und der immensen Verantwortung.

Um sich an einem Ort wie dem Dirigentenpodest wohl zu fühlen, braucht es zwei Dinge.

Du musst dort wirklich sein wollen. Und du brauchst Souveränität. Für das Wollen braucht es Gründe, für die Souveränität Fähigkeiten, Kenntnisse, Erfahrung.

Und beides, sowohl die Gründe für das Wollen als auch die Art der Anwendung deiner Fähigkeiten, beides muss getragen sein von einer klaren Ethik.

Ich hatte während meines Studiums an der Hanns-Eisler-Hochschule im Ost-Berlin der 1980'ger Jahre einen Kommilitonen, der die Frage nach dem Warum seiner Berufswahl damit beantwortete, dass er Dirigent sein will, weil das ein gut bezahlter Beruf sei, der es ihm ermöglichen werde, den Lebensstandard, den er aus seinem Elternhaus gewohnt war, aufrecht erhalten zu können.

Ich weiß nicht ob er je einen Job als Dirigent gefunden hat. Bei einem Meisterkurs mit Kurt Masur schickte dieser ihn irgendwann vom Pult, damit er sich anhören möge, wie schön das Orchester den 3. Satz einer Brahmssinfonie spielen würde, wenn er nicht eingreift.

In einem Konzert der Berliner Philharmoniker unter der Leitung eines der unbestritten hoch respektiertesten Dirigenten seiner Zeit gab es Ravels Daphnis & Chloe. Bei der Passage mit dem großen Flötensolo verzichtete dieser fast vollständig auf eine Zeichengebung, die noch irgendwie ein Tempo erkennen ließ, was zwar der Flöte allen Raum für eine atemberaubend schöne Gestaltung gab, besonders für das Zusammenspiel der Bässe mit ihren weit auseinanderliegenden Pizzicati auf Eins und Vier aber eine große Herausforderung darstellte.

Aber es war wie ein Zauber: Ton um Ton begleiteten die acht Bassisten das wunderbar frei gestaltete Spiel der Soloflöte. Bis dann doch ein einziges Mal einer dieser gezupften Bass-Töne nicht ganz zusammen war, weil einer der Spieler seiner Saite den Ton ein wenig zu früh entlockte.

Und was geschah? Dieser großartige Dirigent drehte ruckartig den Kopf Richtung Bässe und blickte strafend zu dem betreffenden Kontrabassisten.

Der Zauber war weg.

Nicht wegen der kleinen Unsauberkeit im Zusammenspiel. Sondern weil der ungeheure Frieden, den die Musik in diesem irrsinnig schönen Moment erzählte, durch die Reaktion des Dirigenten verjagt war.

Genauso wie die mangelnde Beherrschung des Handwerks, können falsche Motivation und fehlende Kontrolle über unsere Emotionen den Erfolg in unserem Traumberuf stören oder sogar verhindern, dass er sich überhaupt einstellt.

Was aber, wie der verpatzte Sprung im Freibad, niemanden weiter etwas angehen würde, wäre da nicht die Verantwortung des Dirigenten gegenüber der Musik, den Musikern, dem Publikum.

Ich werde mich freuen, wenn Dirigiertip hilft, Antworten zu finden auf viele der Fragen, die du dir als Dirigent, ja als Leiter jeglicher Form musikalischer Ensembles, stellen magst.

Ich hatte das große Glück, Erfahrungen sammeln zu können durch eigene Fehler und Erfolge, durch  Beobachten und Selbstgestalten, durch viele Erlebnisse rund um den besagten Roten QM.

Und so wird es hier um Fragen der Dirigiertechnik, der Kommunikation und des Selbstmanagements gehen, wie auch um so pragmatische Dinge wie Probenplan-Erstellung oder Zusammenarbeit mit Orchesterwarten, OrchesterbüroleiterInnen oder Kommunalpolitikern und vieles mehr.

Besonders gespannt bin ich auf die Erfahrungen und den Austausch in unserer geschlossenen Facebook-Gruppe, der Dirigiertip-Lounge.

Denn das ist etwas, das ich mir immer gewünscht hätte:

Die Chance, mich zu den vielen Fragen, die unser Beruf mit sich bringt, unterhalten zu können. Und zwar mit Dirigenten. Also Leuten, die die gleichen Probleme zu lösen haben wie ich und die wahrscheinlich auch feststellen, dass man als Dirigent immer allein ist mit den Herausforderungen, die dieser Beruf einem beschert. Passt da nicht das Bild von einem Arbeitsort, der gerade mal einen Quadratmeter misst, ganz gut? Da ist kein Platz für zwei, da kann es immer nur einen geben.

Dirigiertip wird wachsen - und sicher zu einem wertvollen und wichtigen Partner werden für alle, die das Musizieren anderer Menschen anzuleiten haben - seien es Instrumentalisten, Sänger, Laien oder Profis, jung oder schon etwas älter.

Herzlich Willkommen.

Stefan Malzew

P.S.

Und was hat das nun mit der Routine eines Golfers zu tun?

Na: Hereinspaziert. Die Antwort darauf kommt in einem der Beiträge noch des ersten Jahres!

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